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Informationen für Beschäftigte der SAP SE und der SAP Deutschland SE & Co. KG



SAP-Gesundheit: Dramatische Entwicklung

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18.01.2013 Langzeitkrank, wiedereingliedern + dann? SAP wächst und wächst. Die Leistungsorientierung hat in den letzten Jahren an Gewicht gewonnen und zeigt ihre Wirkung auf die Gesundheit der Beschäftigten.

Es muss immer schneller, effizienter, produktiver und prozessorientierter gearbeitet werden. Alles muss in Prozesse "heruntergebrochen" und zerstückelt werden. Das belastet. Über Stress und permanenten Druck am Arbeitsplatz klagen viel zu viele. Das führt zu Burnout, insbesondere die psychischen Belastungen. Einen erheblichen Beitrag liefert die Arbeitsverdichtung und völlig überdrehte Leistungsorientierung. Eine traurige Tatsache ist, dass arbeitsbedingter Stress in allen Bereichen zugenommen hat.

Dramatische Entwicklung

Arbeitsbedingte Erkrankungen erlebten in den letzten Jahren einen erheblichen Anstieg. Die Zahl der Langzeitkranken bei SAP ist in Deutschland weiter gestiegen. Diese Zahl beinhaltet alle Krankheiten in unserer Gesellschaft, von dem ganzen Spektrum an Krebsarten über Bandscheibenvorfälle bis hin zu allen Depressionsabstufungen bzw. Depressionssteigerungen und anderen psychischen Krankheiten. Eine Studie im Manager Magazin (siehe Link) spricht sogar von 1000 Burnout-Fällen innerhalb eines Jahres bei SAP in Deutschland. Gerade der enorme Anstieg psychischer Belastungen bei SAP erfordert eine genaue Betrachtung und Analyse der Ursachen bei den Arbeitsbedingungen und den Auswirkungen auf die Beschäftigten. Diese Situation kann gelinde gesagt als dramatisch bezeichnet werden, nur unsere Arbeitgeberin will es nicht wahrhaben.

Wir haben verschiedene Langzeiterkrankungen: Physischer und psychischer Natur. Jeder Langzeitkranke kann seit 2011 bei Wiedereintritt in den Arbeitsalltag eine Unterstützung erhalten. Es wurde das BEM (Betriebliches Eingliederungsmanagement) eingerichtet und jeder kann sich auf effiziente Unterstützung verlassen, wenn er bzw. sie es wünscht. Doch manchmal ist BEM ein Drama für die Betroffenen.

Wiedereingliederung

Bei einer physischen Erkrankung gestaltet sich eine ernsthafte Wiedereingliederung "einfacher" als bei einer psychischen Wiedereingliederung. Bei psychischen Langzeiterkrankungen spielt neben dem erheblichen Leistungsdruck, den überhöhten Zielvorgaben, insbesondere die Personen, die den Leistungsdruck weitergeben, eine entscheidende Rolle. Oftmals ist die Wiedereingliederung in dem gleichen Bereich mit der gleichen Umgebung und den gleichen Vorgesetzten unmöglich. Es muss ein anderer Bereich gefunden werden. Dies gestaltet sich nicht immer als leicht durchführbar, weil die Arbeitgeberbereitschaft sich manchmal in Grenzen hält.

Von Verantwortlichen müssen sich die betroffenen Kolleginnen und Kollegen dann schon mal Aussagen anhören wie "Bitte hab Dich nicht so", "Stell ich nicht so an", "Streng Dich an", "Hattest Du zu viel Stress zu Hause", " Bist dann zusammen geklappt", "Es wird viel besser als vorher" oder "Es wäre doch besser außerhalb von SAP eine 'Herausforderung' zu suchen". Die Arbeitgeberin geht logischerweise gerne den einfachen Weg: zurück in die alte Abteilung, obwohl dies von externen Therapeuten sehr selten empfohlen wird.

Die Kolleginnen und Kollegen sollen ein paar Monate "nett" sein und der Chef auch. Es ist zu hören, der kranke Kollege/Kollegin hat gefehlt, weil er/sie "private oder persönliche Probleme" hätte. Man schont ihn/sie dann eine gewisse Zeit und dann fängt nach einer bestimmten Zeit der Stress und der Druck wieder von vorne an, entsprechend einer jahrzehntelangen "Höchstleistungskultur" wie im Spitzensport.

Viele psychisch Langzeiterkrankte können aus diesem Grund nicht mehr an ihren alten Arbeitsplatz zurück, weil dort die eigentliche Ursache liegt und weil vor allem die gewohnte hierarchische Umgebung das Krankheitsbild wieder verschlechtern kann.

Karriereverlauf nach Wiedereingliederung

Wenn eine Versetzung auf einen anderen Arbeitsplatz ermöglicht wird, verläuft die Wiedereingliederung gut und dann stellt sich die Frage, wie es mit der Karriere bei SAP nach einer Langzeiterkrankung weitergeht. Hier ein paar Beispiele aus dem SAP-Leben:

Manuela Maria P.* war 11 Monate wegen Brustkrebs langzeiterkrankt. Dank Ihres Chefs und seiner Verbundenheit zu seiner langjährigen Mitarbeiterin, die er vor 10 Jahren eingestellt hatte, ist sie jetzt Teamlead und sogar Toptalent, ein Stressfaktor. Ihr Chef hat ihre Karrierewünsche in die Realität umgesetzt. Er hat glücklicherweise erkannt, dass eine Förderung notwendig war. Ihre Leistung wurde anerkannt. Ihre Karriere verläuft steil. Weil sie eine organische Erkrankung hatte?

Martina Helene W.* hat seit Jahren ein reduziertes Sichtfeld. Sie hat einen Schwerbehindertenstatus und arbeitet als Teilzeitkraft. Eine Kollegin ist in Mutterschutz gegangen und Martina wurde deren Arbeit aufgedrückt, trotz ihrer Teilzeitbeschäftigung, eine erhebliche Zusatzbelastung. Sie hat ein iPhone und ein iPad erhalten. Sie fand das toll, dass gerade sie als Teilzeitkraft solche Tools bekommt. Sie war dadurch immer und jederzeit und permanent erreichbar. Zwischen Privat- und Berufsleben gab es keine Grenzen. Martina arbeitete neun Monate über ihrer Kapazität hinaus - trotz Sehbehinderung. Vor Erschöpfung ist sie letztendlich zusammengebrochen und seit Monaten nicht arbeitsfähig. Eine Wiedereingliederung gestaltet sich als problematisch, weil ihr Chef ihren Zusammenbruch als "Verrat" aufgefasst hat. "Was hat sie denn?", beruhigt er sein Gewissen und entzieht sich seiner Verantwortung als Führungskraft. "Ist es so, weil sie 50 ist?" Dass sie von ihrem uneinsichtigen Chef weg muss, ist klar, doch die Versetzung scheint unmöglich, weil keine freie passende Stelle bzw. kein "Headcount", kein "FTE", vorhanden ist. Martina ist trotz ihrer enormen beruflichen Erfahrung, die bei SAP offensichtlich wenig zählt, immer noch im Gehaltssystem auf der sehr niedrigen Gehaltsstufe G7. Ihr Chef verweigert Gespräche bzw. blockiert ihre Versetzung. Wer verliert am meisten? Martina. Sie erhält weder Bonus noch Erfolgsbeteiligung für die Zeit der Langzeiterkrankung. Für Martina ist dies neben der mangelnden Wertschätzung sehr viel Geld. Auch SAP verliert.

Bernd Michael K.* wurde von seiner Vorgesetzten offensichtlich gemobbt. Er war mehr als ein Jahr wegen Angstzuständen, Zwangsstörungen und schweren Depressionen in einer Klinik in Behandlung. Seine Wiedereingliederung war alles andere als einfach. Seine Therapeutin forderte eine Umsetzung auf einen anderen Arbeitsplatz in einem ähnlichen Tätigkeitsfeld. Bernd ist bereits über 40 Jahre alt und somit bei SAP als "älter" eingestuft. SAP hat sich Zeit gelassen, um die ärztliche Anordnung zu befolgen. Nach sechs zusätzlichen Monaten mit Verzögerungen, Diskussionen, Warten, die zu einem kurzen Rückfall mit akuten Angstzuständen bei Bernd führte, konnte eine Versetzung endlich erfolgen. Bernd arbeitet heute in einem für ihn "neuen" Bereich und fühlt sich stabil. Er lernt den "neuen" Bereich kennen, leistet gute Arbeit, aber in den Augen seines jetzigen Vorgesetzten ist er ein sog. Minder- oder Schlechtleister, weil er versetzt werden musste. Sein Bonus wurde auf 60% gesetzt. Seinen Firmenwagen musste er abgeben. Seine Kollegen verhalten sich fair, aber er bleibt der "Außerirdische" ("der hat doch ein Meise"). Nach 17 Jahren Betriebszugehörigkeit ist Bernd immer noch weit von der Jobfunktion als Senior entfernt. Die Versetzung, die wegen eines Vorgesetzten-Mobbings ("Bossing") notwendig war, hat seinem Karriereverlauf enorm geschadet. Er bekommt immer nur die Minimalgehaltserhöhung von rund 1%. Welche Karriereaussichten gibt es noch für Bernd bei SAP? Das BEM war da, um die Wiedereingliederung zu ermöglichen - und jetzt? Was passiert mit Bernd? Wird es wieder einen Rückfall geben?

Gregor John S.* hat etwas ähnliches erlebt. Er ist heute ebenfalls Persona-non-grata in seiner alten Abteilung. Er musste wegen Selbstmordgedanken eine Auszeit von einigen Monaten nehmen. Monatelang musste er die Arbeit von zwei Kolleginnen übernehmen, die in Mutterschutz waren. Diese Kolleginnen wurden nicht ersetzt - aus Kostenspargründen. Sieben Monate hat er diesen unerträglichen Rhythmus ausgehalten - und es war ihm zu viel geworden. Er kam jeden Samstag und manchmal auch Sonntag ins Büro, um seine Arbeit zu erledigen, damit nichts auf der Strecke blieb oder vergessen wurde. Von einer 40-Stunden-Woche war er weit entfernt. Er hatte auch keinen Erholungsurlaub genommen. Gregor hatte einen Freund. Die langjährige Beziehung ist in diesen Monaten zu Ende gegangen. Sein Partner hatte kein Verständnis für so viel Arbeit "rund um die Uhr", zumal bei dieser unbeschreiblichen Mehrleistung keine nennenswerte Gratifikation oder "Promotion" bzw. Gehaltserhöhung gegenüberstand. Gregor hatte nur das mündliche Versprechen für eine eventuelle "Promotion", eine 4%ige Gehalts-Sondererhöhung, zu erhalten. Aber bei der nächsten Gehaltsrunde blieb Gregor in der niedrigen Funktion als "Specialist" trotz elf Jahren Betriebszugehörigkeit. Die Versprechen erwiesen sich als leere Worthülsen. Der Bonus in dem Geschäftsjahr fiel mit lediglich 102% mager aus - mit der Begründung, er habe ja "keine Initiative" gezeigt. Er konnte ja auch nicht, da er mit der Menge der vorhandenen Arbeit zu kämpfen hatte. Das ist ungerecht und unfair.

Gregor ist nach dieser Mitteilung zusammengebrochen. Er wollte nicht mehr leben. Es brachte ihm ja eh nichts zu leben. Sein Leben war leer oder voll mit Arbeit, nur Arbeit, er sollte nur noch funktionieren. Er war ein halbes Jahr in therapeutischer Behandlung. Das BEM wurde früh eingeschaltet und die Wiedereingliederung sollte in einem anderen Arbeitsbereich stattfinden. SAP war nicht begeistert. Sein Manager wollte ihn unbedingt zu seinem alten Arbeitsplatz zwingen. Sein Manager hat definitiv die Wiedereingliederung in einem anderen Bereich verhindert. Gregor ist inzwischen nach zähem Ringen in einer ähnlichen Specialist Position mit neuen Kollegen und Themen in einen anderen Bereich gewechselt. Er versucht sich zu Recht zu finden. Er hat entschieden, dass er nur noch Teilzeit arbeitet. Er hat in 2012 die Minimalerhöhung beim Gehalt erhalten. Seine Chance auf eine nennenswerte Gehaltserhöhung ist in Zukunft eher gering. Warum wird Gregor nicht gefördert? Ist Gregor für SAP jetzt schon abgeschrieben, weil die "Ressource Gregor" nicht mehr funktioniert? Gregor hatte eine psychische Langzeiterkrankung und wird nicht mehr als Gregor gesehen, sondern als "verbrauchte Ressource", in die man nicht mehr investieren will. Eine Schwerbehinderung wird in einer Höchstleistungskultur ignoriert.

SAP schiebt die Probleme auf den Einzelnen und individualisiert das Thema Krankheit. Die Arbeitgeberin sieht sich nicht in der Verantwortung, die Antreiberin der Ursachen für psychische Probleme, Burnout mit Angstzuständen, Panikattacken sogar Selbstmordgedanken zu sein. Die Verantwortung wird hauptsächlich auf die Individualität und das Verhalten des Einzelnen geschoben. Der Arbeitnehmer ist anscheinend nur eine austauschbare Ressource und hat zu funktionieren. SAP-HR versucht manchmal mit psychischen Druck, dass die Betroffenen draußen eine "neue Herausforderung" suchen - und SAP "freiwillig" zu verlassen.

Wann wird SAP die arbeitsbedingten Ursachen psychischer Belastungen endlich aktiv angehen? Die Verantwortung liegt nicht allein bei den Betroffenen, sondern beim Verursacher.

*Namen geändert

Quelle und Autor der internen SAP-Veröffentlichungen: IG Metall- und Betriebsratsmitglied Ralf Kronig

Anhang:

Arbeitsbedingungen bei SAP

Arbeitsbedingungen bei SAP

Dateityp: PDF document, version 1.5

Dateigröße: 249.88KB

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Letzte Änderung: 17.01.2013


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