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IG Metall @ SAP

Informationen für Beschäftigte der SAP SE und der SAP Deutschland SE & Co. KG



Die dunklen Schatten des Erfolgs (3)

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21.12.2013 Niederes Motiv: 35% Rendite und 100 Millionen für den Vorstand

Im Hinblick auf diesen Managementstil wirkt die mitarbeiterverachtende Aussage des Aufsichtsratsvorsitzenden Hasso Plattner bei der diesjährigen Hauptversammlung, dass die größte Bedrohung nicht die extrem hohen Millionenzahlungen an die Vorstände, sondern die Personalkosten seien, schon ziemlich zynisch. Selbst streicht er als SAP-Eigner mit seinem "nicht-arbeitendem" Kapital seit Jahren Hunderte von Millionen Dividende ein, ein Verdienst aller Beschäftigten.

Ein SAP-Beschäftigter meinte lapidar: "Ich muss über 200 Jahre arbeiten, wenn ich soviel verdiene wie die Co-CEOs in einem Jahr. Das steht in keinem Verhältnis."

"Du bist zu langsam"

Das Arbeiten unter Zeit-, Termin- und Wettbewerbsdruck wird seit Jahrzehnten von unbezahlten Überstunden und langen, hochkonzentrierten und entgrenzten Arbeitszeiten, sowie oftmals beruflich bedingten Arbeitswegen gekennzeichnet. Das Arbeiten auf einen Entwicklungsschluss hin, ohne die wirkliche Kontrolle und Begrenzung der Arbeitszeit, setzt den Einzelnen pausenlos unter psychischen Druck. Hinzu kommt kein reales Gehaltswachstum, da zwar der persönliche Einsatz immer extrem hoch sein muss, jedoch die Gegenleistung der Arbeitgeberin in Form eines adäquaten Entgelts nicht mitwächst. Die Aktionäre als Kapitalgeber werden jedoch großzügig bei der Verteilung des Unternehmensgewinns beteiligt.

Die sogenannte Vertrauensarbeitszeit kann als völlig willkürlich bezeichnet werden, da nur das Ergebnis, der Kunde und das Ziel zählt. Im Arbeitsvertrag ist bei Vollbeschäftigung die 40-Stunden-Woche vereinbart, Überstunden verfallen bzw. gibt's offiziell nicht. Damit sind es unbezahlte Überstunden, es sei denn, sie werden zusätzlich für das Wochenende angeordnet. Eine gelebte Vertrauensarbeitszeit-Kultur sollte immer zu mehr Souveränität über die eigene Arbeitszeit führen, besonders zu Freistellungsansprüchen und zum Mitentscheiden. Denn Vertrauen(sarbeitszeit) beruht letztendlich auf Gegenseitigkeit.

Eine Befragung der IG Metall ergab, dass sich 63 Prozent der SAP-ler mit der Erwartung konfrontiert sehen, Überstunden zu leisten. Beruf und Privatleben sind für 32 Prozent der Beschäftigten schwer vereinbar, für 40 Prozent ist das zum Teil so. Eine jüngste Befragung bestätigte die Wichtigkeit des Themas aus Sicht der Beschäftigten. Doch dem entgegen steht die Anforderung des Managements nach mehr Flexibilität und Veränderungsfähigkeit. Dadurch kommt der Arbeitszeit und Arbeitszeitgestaltung eine immer wichtigere Rolle zu, denn eine geregelte Arbeitszeit ist der zentrale Schlüssel für ein gute Vereinbarkeit von Job und Familie bzw. Privatleben. Viele Menschen wollen die tägliche Arbeitszeit kurzfristig den privaten Bedürfnissen anpassen.

Von vielen ManagerInnen wird ständige Erreichbarkeit vorausgesetzt. Untermauert wird dies durch den Mangel an klaren Regelungen der Arbeitszeit zum Schutz der Gesundheit. Kolleginnen erzählen, dass sie vom Management aufgefordert werden, vor morgentlichen Meetings sämtliche E-Mails gelesen zu haben. Mit privaten Endgeräten darf gearbeitet werden: Immer und ohne Limit. Globale Meetings, morgens Asien, abends Amerika, zwingen viele Beschäftigte zu extrem flexiblen und familienunfreundlichen Arbeitszeiten, was sich wiederum im privaten Leben niederschlägt. Die hohe Rate an Singles und geschiedenen Kolleginnen und Kollegen wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse.

"Die 40-Stunden-Woche habe ich ohnehin nie eingehalten, doch jetzt kommt noch der Termin- und Gruppendruck dazu, den uns das Management von oben diktiert. Das ist doch nicht mit der Lean-Philosophie gemeint. Immer muss ich nachweisen, was ich tue, wie erfolgreich ich es tue, mich rechtfertigen und punktgenau abliefern. Dazu kommen noch permanente, überflüssige Reorganisationen vom Vorstand. Da verliere ich das Vertrauen."

In der Software-Entwicklung finden immer mehr kurze zeitliche Taktungen Anwendung, das heißt, es müssen unter sehr hohem Arbeitstempo und mit mangelnden personellen Ressourcen in knapp bemessenen Zeiträumen Produkte abgeliefert werden. Dauerhaft höchstproduktiv sein zu müssen kann nicht innovativ und gesundheitsfördernd sein, wenn ein Controlling die Arbeitsprozesse vorgibt.

Treffender kann "Lean-Production" nicht beschrieben werden: "So stelle ich mir Fließbandarbeit vor, das hätte ich nie gedacht, dass ich jemals das Gefühl der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit verliere. Für Innovation habe ich keine Zeit, da Termine, Zahlen und Vorgaben mich erdrücken. Ich muss ja im Takt arbeiten."

Seit 2010 wurden sechs Befragungen zur Einführung von "Lean-Production" durchgeführt; aus ihnen geht hervor, dass sich der längerfristige stetige Trend einer Zunahme der Arbeitsbelastung seit der ersten Befragung fortsetzt.

Die siebte und jüngste Befragung ergibt weiterhin keine Entlastung der Beschäftigung: "Entgegen der angestrebten Verbesserung nimmt die empfundene Arbeitsbelastung weiter etwas zu."

Leider wird von der Arbeitgeberin nichts unternommen, um "Fortschritte beim Thema Arbeitsbelastung zu machen und gesundheitsförderliche Potenziale zu erschließen". Es fehlen Maßnahmenpakate und deren Umsetzung zum Wohle der Beschäftigten. Die Arbeitgeberin plant in Zukunft keine weiteren Befragungen. Sie will keine Entlastung der Beschäftigten. Sie will eine neue Rationalisierungsmethodik einführen.

Eine erschütternde Aussage spiegelt die Gefühlslage: "Bis in zwei Jahren bin ich kaputt, denn das permanent hohe Tempo und den enormen Arbeitseinsatz halte ich nicht durch, da ich keine freie Zeit zum Nachdenken und zum Austausch mit Teamkollegen habe."

Wer glaubt denn noch wirklich, dass sie oder er unter schlechten Gesundheits- und Arbeitsbedingungen und ohne Berücksichtigung der demografischen Entwicklung gesund in Rente geht?

Letzte Änderung: 19.12.2013


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