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IG Metall @ SAP

Informationen für Beschäftigte der SAP SE und der SAP Deutschland SE & Co. KG



Steigende psychische Belastungen bei SAP

Tipp 37

10.02.2011 Dr. Boes, der SAP bei geförderten Studien zu den Arbeitsbedingungen begleitete, im Interview: "Sie ignorieren Warnsignale ihres Körpers, schlucken Psychopharmaka, schleppen sich krank zur Arbeit."

Frage: IT-Beschäftigte sind kaum körperlichen Belastungen ausgesetzt, verfügen
über viel Freiheit bei der Arbeit und fallen selten wegen Krankheit aus.

Warum ist deren Situation aus Ihrer Sicht alarmierend?

Boes: Der Krankenstand in der IT-Industrie ist im Vergleich zu anderen Branchen niedrig, das ist richtig, tatsächlich nehmen Langzeiterkrankungen aber zu. In einem von uns befragten Unternehmen machen Langzeiterkrankungen bereits mehr als ein Viertel der Arbeitsunfähigkeitstage aus. Es sind psychische und psychosomatische Erkrankungen wie Tinnitus, Burnout, Nervenzusammenbrüche und Depressionen, Herz-Kreislauf- sowie Magen-Darm-Erkrankungen und Bandscheibenvorfälle, die ansteigen.

Frage: Würde sich das nicht auch in Fehltagen widerspiegeln?

Boes: Sicher, aber viele IT-Beschäftigte tun alles, um sich nicht krank schreiben lassen zu müssen. Sie ignorieren Warnsignale ihres Körpers, schlucken Psychopharmaka, schleppen sich krank zur Arbeit oder nehmen Urlaub, um sich auszukurieren.

Frage: Krankheit wird als persönliches Versagen empfunden?

Boes: Viele IT-Beschäftigte fürchten sich davor, als nicht voll leistungsfähig zu gelten und womöglich ersetzt zu werden. Ich nenne es das System permanenter Bewährung: Bei jedem Meeting, bei jedem Projekt muss jemand aufs Neue beweisen, dass er das Recht hat, auf diesem Arbeitsplatz sein zu dürfen. Der Druck ist enorm hoch. Dazu kommen noch andere Belastungsfaktoren.

Frage: Was heißt das?

Boes: Nach unserer Beobachtung geht eines zunehmend verloren: das Gefühl, nützliche Arbeit zu machen, ein wichtiger Teil des Teams zu sein oder über eine auch in Zukunft gefragte Qualifikation zu verfügen. Damit werden auch die Ressourcen weniger, die früher geholfen haben, die gewaltigen Belastungssituationen durchzustehen. Darüber hinaus tragen der Kulturwandel in Unternehmen, die Menschen zu Kostenfaktoren herabwürdigen, und ständige Reorganisationen dazu bei, dass Belastungen in der IT-Industrie wachsen.

Frage: Wie empfinden die Beschäftigten selbst ihre Situation?

Boes: Die Mehrheit der Befragten arbeitet nach eigener Aussage an der Grenze der Belastbarkeit. Ihre Gesundheit hängt am seidenen Faden. Es gibt Unternehmen, in denen sich mehr als die Hälfte der Beschäftigten darüber bewusst ist, dass sie akut gefährdet ist. Gleichzeitig stecken sie aber in dem Dilemma, dass dieses Projekt und jenes noch fertig werden muss.

Frage: Welche Rolle spielt die Krise?

Boes: Die Lage spitzt sich so zu, dass an einer nachhaltigen Gesundheitsförderung kein Weg vorbei führt.

Veröffentlicht in: Fachinformationen zur Arbeitsgestaltung, Nr. 37, IG Metall

Letzte Änderung: 08.02.2011


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