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Schluss mit dem Gejammer, Jungs!

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06.11.2012 Gastkommentar von Amelie Fried, Fernsehmoderatorin und Schriftstellerin. Sie ärgert sich über die immer gleichen Argumente, mit denen die Chefs dieser Welt ihre Privilegien verteidigen.

Eine gesetzliche Frauenquote würde mehr Chancengerechtigkeit ermöglichen. Und sie würde die Frauen zwingen, diese auch zu nutzen.

Viele Jahre war ich eine strikte Gegnerin der Frauenquote. Ich glaubte daran, dass Frauen, die gut ausgebildet und fleißig sind, genauso Karriere machen könnten wie Männer; ich fand die ewigen Beschwerden meiner Geschlechtsgenossinnen über ihre strukturelle Benachteiligung ziemlich blöd. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine qualifizierte und selbstbewusste Frau auf dem Quotenticket nach oben kommen wollte - schließlich will man seinen Aufstieg doch aus eigener Kraft schaffen.

Ich selbst hatte auch nie das Gefühl, benachteiligt zu sein. Als freiberufliche Medienschaffende bewegte ich mich in einer Sphäre, in der Erfolg oder Misserfolg anscheinend von anderen Faktoren abhingen als vom Geschlecht. Lange fiel mir nicht einmal auf, dass ich auf Redaktionsebene oft mit Frauen zu tun hatte, die Redaktionsleiter, Abteilungsleiter, Chefredakteure, Programmdirektoren und Intendanten aber allesamt Männer waren (immerhin: Inzwischen gibt es bei der ARD drei Intendantinnen).

Als Anfang des Jahres von 300 Journalistinnen die Initiative Pro Quote gegründet wurde, begriff ich zum ersten Mal, wie eklatant das Missverhältnis von Männern und Frauen in leitenden Positionen des Medienbereichs tatsächlich ist. Bei den deutschen Tages- und Wochenzeitungen sind zwar die Hälfte der Leser weiblich - aber nur zwei Prozent der Chefredakteure. In den Redaktionen der führenden Magazine und Zeitungen stehen fast ausschließlich Männer an der Spitze, selbst bei überraschend vielen Frauenzeitschriften.

In der Wirtschaft insgesamt sieht es nicht viel besser aus. Neueste Zahlen besagen zwar, dass in den vergangenen zwölf Monaten fast 41 Prozent aller neu zu besetzenden Posten in deutschen Vorständen und Aufsichtsräten an Frauen gingen - dennoch waren damit Mitte dieses Jahres trotzdem nur 12,8 Prozent der Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder weiblich. Ohne die Positionen in den Aufsichtsräten fällt die Quote noch deutlich niedriger aus: Nur in 4,5 Prozent der befragten Unternehmen sitzen Frauen im Vorstand, tragen also operative Verantwortung. Damit liegen wir europaweit ganz hinten.

Die Argumente für und gegen eine Frauenquote sind sattsam bekannt; zwei von ihnen möchte ich aufgreifen: die neuerdings immer häufiger zu hörende Klage, eine Frauenquote führe zur Diskriminierung männlicher Bewerber, und die Behauptung, es gäbe nicht genügend qualifizierte Frauen, um eine Quote zu erfüllen. Das Argument der Männerdiskriminierung ist so lächerlich wie verräterisch; es kommt fast immer von Männern, die um den Verlust ihrer Privilegien oder ihr persönliches Fortkommen fürchten, vorgetragen unter Heulen und Zähneklappern. Alles Quatsch. Es geht nicht um eine Bevorzugung von Frauen, weil sie Frauen sind. Es geht darum, bei gleicher Qualifikation Frauen gleiche Chancen einzuräumen, um eine jahrtausendealte Benachteiligung zu beenden. Selbst bei Einführung einer Frauenquote von 30 Prozent hätten wir noch immer eine Männerquote von 70 Prozent. Das soll Diskriminierung sein?

Das zweite Argument, es gäbe nicht ausreichend geeignete Frauen für Führungsposten, ist einer näheren Betrachtung wert. Tatsächlich gibt es Branchen, für die das - zumindest teilweise - zutrifft. Unternehmen aus dem technologisch-naturwissenschaftlichen Bereich tun sich schwer, genügend Ingenieurinnen, Maschinenbauerinnen oder Chemikerinnen zu finden, um die fachgebundenen Führungspositionen zu besetzen. Aber auch in diesen Unternehmen gibt es Vorstände für Personal, Vertrieb und Finanzen. Die meisten in deutschen Unternehmen amtierenden Vorstände und Aufsichtsräte haben Jura oder Wirtschaft studiert - auch in Technologie-Unternehmen. Und hervorragende Juristinnen und Wirtschaftswissenschaftlerinnen gibt es wahrhaftig genügend.

Karrieren müssen sich außerdem nicht unbedingt durch fachliche Stringenz auszeichnen, das machen Männer uns Frauen schon lange vor. Thomas Ebeling, der Vorstandsvorsitzende des Medienunternehmens Pro Sieben Sat 1, hatte zuvor leitende Funktionen beim Getränkehersteller Pepsi und im Pharmakonzern Novartis. Studiert hat er Psychologie. Kaum eine Frau hätte die Chuzpe, sich eine solche Biografie für sich selbst auch nur vorzustellen.

Nur unter Druck passiert etwas

Noch immer zieren sich die politisch Verantwortlichen, klare Gesetze für die Förderung von Frauen zu schaffen. Die Front von Quotenbefürwortern- und gegnern verläuft zwar quer durch die Parteien - sollte bei der Abstimmung im Bundestag der Fraktionszwang nicht aufgehoben werden, sieht es trotzdem schlecht aus. Koalitionsmitglieder propagieren ohnehin überwiegend die Flexi-Quote von Ministerin Kristina Schröder, diese erinnert aber an die windelweiche Selbstverpflichtung der Deutschen Wirtschaft von 2001, 'ihren Mitgliedern betriebliche Maßnahmen zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern sowie der Familienfreundlichkeit zu empfehlen'.

Viel ist seither nicht passiert, und das meiste davon auch nur unter dem Druck der Quotendiskussion. Zwar lesen wir hie und da vollmundige Ankündigungen von Chefredakteuren, man habe die feste Absicht, den Frauenanteil in der eigenen Führungsriege zu erhöhen, und auch in Wirtschaftskreisen hat die Rhetorik sich verändert - die Jungs sind ja nicht blöd. Dabei bleibt es aber dann auch. Das Diktum des Soziologen Ulrich Beck von der verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre beschreibt treffend das männliche Verhaltensmuster. So kommt selbst eine ursprünglich erklärte Gegnerin wie ich nicht mehr um die Einsicht herum, dass sich ohne feste Frauenquote nichts Grundsätzliches bewegen wird.

Ihre Einführung würde nicht nur den Verantwortlichen in der Wirtschaft den nötigen Dampf unterm Hintern machen. Sie würde auch uns Frauen zwingen, Farbe zu bekennen. Dann wäre Schluss mit dem Gejammer. Wir müssten unter Beweis stellen, dass wir können und wollen, was wir jahrzehntelang gefordert haben. Es gibt nämlich nicht wenige Frauen, die groß darin sind, sich über mangelnde Aufstiegschancen zu beklagen - aber zurückzucken, wenn es darum geht, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen und sich einen mühsamen 60-Stunden-Job ans Bein zu binden, bei dem sie sich in der dünnen Luft der Führungsetagen und in den männerbündischen Strukturen eines Unternehmens behaupten müssen.

Dass es Frauen gibt, die das nicht wollen oder können, ist unbestritten. Das darf aber nicht weiter als Ausrede dafür dienen, den anderen Frauen, die es können und wollen, den Aufstieg zu verwehren.

Letzte Änderung: 06.11.2012


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