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IG Metall @ SAP

Informationen für Beschäftigte der SAP SE und der SAP Deutschland SE & Co. KG



Die dunklen Schatten des Erfolgs (11)

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06.01.2014 "Der Prozess steuert dich"

SAP hat die cloud-basierte Software für Personalmanagement SuccessFactors erworben. Diese verwaltet nicht nur Personaldaten, sondern ermöglicht es, die Mitarbeiterentwicklung mit Unternehmenszielen zu verknüpfen. Die Unternehmensstrategie wird so in den operativen Beschäftigtenalltag eingebettet.

Ein Leiter des Bereichs "Cloud" beschreibt die Steuerung des Menschen: "Das Besondere am Cloud-Geschäft ist, dass man laufend liefern muss. Extrem kurze Release-Zyklen, ständige Änderungen, permanente Innovationen, unmittelbare Reaktionszeiten: Das kennzeichnet unser Business."

Beim internen Einsatz können die SAP-Angestellten so schon mal hautnah spüren, was eine angestrebte Gewinnmarge von 35 Prozent für jeden einzelnen bedeutet.

Auf dieses Problem hat auch der ehemalige IBM-"Cheftechnologe" Gunter Dueck in einer Stellungnahme gegenüber der Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Deutschen Bundestages aufmerksam gemacht, in der er diese unsere Software und den gewollten "psychischen Druck durch Transparenz" in einem Atemzug nennt:

"Digitale Arbeit bedeutet einen revolutionär harten Schnitt in der Arbeitsorganisation, weil die von Arbeitnehmern geleistete Arbeit nun im Netz der Quantität und Qualität nach transparent messbar ist. Bislang gibt es noch viele Büroarbeitsplätze, bei denen man acht Stunden täglich sein bestes gibt oder bei denen man am Fließband mit den vorgegebenen Takt mithält. In der digitalisierten Welt sind die Arbeitsplätze vielfach ganz entkoppelt, jeder kann eher für sich selbst so viel leisten, wie er will oder vermag. Die großen Leistungsunterschiede zwischen Mitarbeitern werden immer transparenter. Dadurch entsteht ein bisher ungekannter psychischer Druck auf Führungskräfte und Arbeitnehmer, weil nun alle indirekt fast wie in der Fußballbundesliga ständig um Auf- und Abstieg kämpfen. Die ganze Burnout-Problematik entsteht genau hier! Die Führungskräfte und Mitarbeiter müssen neue soziale Umgangsformen entwickeln. Jeder muss wohl lernen, mit dem eigenen transparent sichtbaren Leistungsniveau psychisch ausgeglichen zu leben. Das wird derzeit durch aggressives Leistungsvergleichen zum Zwecke des Antreibens durch das Management aus ökonomischen Erwägungen heraus absichtlich verhindert. Man SOLL ja immer ein schlechtes Leistungsgewissen haben! Dieser immense psychische Druck steigt durch die Transparenz der digitalen Welt immer mehr an." Bis auf die Tatsache, dass in diesem Zusammenhang die "Leistungstransparenz" wegen ihrer willkürlichen und subjektiven Anwendung eine Pseudotransparenz darstellt.

Technologien einer weltweit vernetzten Kommunikation schaffen ungeahnte Möglichkeiten der Steuerung, Kontrolle und Bewertung, Arbeitsverdichtung und -intensivierung. Rund um die Uhr kann an "Projekten" in Form von Aufträgen gearbeitet werden, alle MitarbeiterInnen konkurrieren miteinander, alle gegen alle. Weiter auf die Spitze getrieben wird diese Ausbeutungsstrategie mit dem Konzept des "Crowdsourcing": Die Auslagerung von Dienstleistungen in eine globale Programmierer-Menge, die mit ihren Arbeitsergebnissen um den Zuschlag bei Internetausschreibungen konkurriert. Bezahlt wird nur, wer gleichzeitig am besten, schnellsten und billigsten liefert. Der arbeitende Mensch wird zum digitalen Nomaden degradiert, indem nur das beste Ergebnis und der vorgegebene Termin zählt.

Was harmlos klingt, ist im Prinzip eine Arbeitsverlagerung ohne Beschäftigungssicherung. Dies könnte einen Großteil der 900.000 IT-Beschäftigen in Deutschland treffen. Einen festen Arbeitsvertrag, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub - all das wird es nicht mehr geben. Mit neuesten elektronischen Mitteln halten so alte Prinzipien des Wanderarbeiter-Kapitalismus wieder Einzug. Ein globalisierter Arbeitsmarkt ohne "Leitplanken" und Regeln wird zu noch mehr Stress und Krankheiten führen - auch deshalb, weil die unternehmerischen Risiken vollständig auf die Beschäftigten abgewälzt werden.

Ein Vorstandssprecher von SAP hat kürzlich bereits angekündigt: "So wollen wir eine Million Entwickler von Software für uns gewinnen, ohne sie bei SAP anstellen zu müssen". Eine klare Ansage an die Beschäftigten von SAP, die viele verunsichert und ein beängstigendes Zukunftsszenario erahnen lässt. Doch das Arbeiten in der Wolke wird bei der IT-Branche nicht Halt machen. Das Vordringen digital vernetzter Arbeitsmittel schafft die technische Voraussetzungen für derlei Entgrenzungstendenzen und fungiert insofern als "Enabler" und "Verstärker", als "Brandbeschleuniger".

Wir stehen also vor der Herausforderung, Arbeitsbedingungen gesünder und sozialverträglicher zu gestalten. Dies gilt auch für neue Entwicklungen wie Crowd Working, mobiles Internet und Cloud-Strategien, welche die Gesundheitsbedingungen von Beschäftigten entscheidend beeinflussen werden. Auch hier wird es darum gehen, dass diese Veränderungen nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen. Wir wollen diese Entwicklung positiv gestalten. Es kann doch nicht das Ziel sein, in Echtzeit die Leistung der Beschäftigten zu kontrollieren?

"Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.", meinte schon Karl Marx.

Letzte Änderung: 04.01.2014


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